Superheldin  30. April 2018

Soufeina "Tuffix"

Die Comic Zeichnerin Soufeina Hamed nutzt ihr großes Talent, um über ihr Leben als Muslima in Deutschland zu erzählen. Mit ihrer kürzlich aufgerufenen Aktion “Erzähl mir deine Story und ich mache daraus ein Comic”, lädt sie ihre Community auf Instagram dazu ein, ihre Geschichten mit ihr zu teilen. Aus diesen heraus zeichnet Soufeina ihre unterhaltsamen Comics. Bisher hat sie bereits über 100 Nachrichten erhalten. Ihre Zeichnungen veröffentlicht die Berlinerin auf ihrer Website tuffix.net und auf Instagram.
Ihre Comics drehen sich vornehmlich um die Themen Rassismus, Glaube, Identität und interkulturelles Zusammenleben. Ihr Ehrgeiz und Engagement für ihre Community hat sie in jungen Jahren dazu bewegt in Netzwerken wie z.B. JUMA, Zahnräder Netzwerk und anderen mit zu wirken.
In unserem Interview erzählt sie euch auch über ihren Beitrag zu dem Buch “Mehr Kopf als Tuch”, was ihrer Ansicht nach der Schlüssel zum Abbau von Vorurteilen ist und was sie jungen engagierten Menschen als Rat mitgeben möchte.

Viel Spaß beim Lesen des Interviews! Wir freuen uns über eure Likes, Shares und Kommentare auf Instagram und facebook!

 

Liebe Soufeina, magst du dich kurz vorstellen und was du so machst? 

Soufeina: Klar! Ich bin Soufeina Hamed. Ich bin Berlinerin. Mein Vater ist Tunesier und meine Mutter Deutsche. Aufgewachsen bin ich in Berlin. Ich habe Psychologie studiert und einen Master in interkultureller Psychologie. Letzten August habe ich mich entschieden meinen Bürojob aufzugeben, um mich voll meiner Kunst widmen zu können. In meinen Illustrationen und Comics behandele ich mein Leben als Muslima, als Studentin, als Künstlerin in Deutschland. (Foto: RANASAWALHA)

Du hast in Oktober letzten Jahres auf Instagram deine Community dazu aufgerufen, ihre Geschichten und Erlebnisse mit dir zu teilen, um daraus ein Comic zu erstellen. Erzähle uns, wie du zu dieser tollen Aktion gekommen bist und wie viele Geschichten du bisher erhalten hast. 

Soufeina: Die Comic-Serie ist relativ spontan entstanden. Wie gesagt: Ich habe einen Job aufgegeben, um mich meiner Kunst zu widmen. Ich habe lange Jahre über mich selbst gezeichnet und wie meine Familie und Freunde mich inspirieren. Teil einer Minderheit in der Deutschen Gesellschaft zu sein, habe ich auch oft in meinen Zeichnungen thematisiert.
Irgendwann aber brauchte ich frischen Wind, einen Neustart. Ich wollte raus aus dieser Ecke, neue Perspektiven einnehmen. Ich habe schnell festgestellt, dass ich viel zu erzählen habe, aber auch andere Leute dort draußen noch viel mehr inspirierende Stories auf Lager haben. Also habe ich mich ziemlich spontan dazu entschieden diese Serie ins Leben zu rufen. Der Auslöser war tatsächlich ein Workshop, den ich gegeben habe. Die Teilnehmerinnen sollten etwas zeichnen. Eine der Teilnehmerinnen erzählte mir, wie sie von ihrem Lehrer, als sie anfing das Kopftuch zu tragen, unterstützt wurde. Ich fand die Geschichte so toll, dass ich sie fragte, ob ich diese Geschichte zeichnen darf. Sie hat sich gefreut und mir ihr Einverständnis gegeben. Bei diesem kleinen Projekt ist mir aufgefallen, dass so viele andere auch Geschichten haben, aber sie nicht genau wissen, wie sie diese Geschichten erzählen sollen. Mittlerweile habe Ich um die 100 Stories zugeschickt oder erzählt bekommen, einige richtig krasse, andere kleine, aber wichtige Momente.
Ich bin sehr gerührt von dem Vertrauen und der Offenheit der Leute, ihre Geschichten mit mir zu teilen. Ich versuche immer solche Geschichten auszusuchen, die in meine Kunst passen. Das ist aber auch nicht immer ganz einfach.

"Ich glaube Empathie ist der Schlüssel,
der uns alle zusammen bringt."

Mit deiner Kunst möchtest du auch Brücken bauen. Wie sieht für dich dieses Brückenbauen aus?

Soufeina: Im Laufe der Zeit und der Weiterentwicklung meiner Arbeit habe ich gemerkt, dass das Erzählen von Geschichten, von persönlichen Geschichten, das Beste ist, um Empathie aufzubauen. Ich glaube Empathie ist der Schlüssel, um uns alle zusammenzubringen. Wir haben jahrelang Debatten geführt, wir haben Talksendungen über Muslime und was weiß ich gesehen. Und das hat uns nie weitergebracht, weil es letztendlich um Zahlen und Daten ging. Das sind sehr kalte herzlose Gespräche und Argumente, die dort angebracht werden. Ich habe gemerkt, je mehr ich jemanden meine Werte und meine Perspektive zeige, ganz persönlich, auf der ganz individuellen Ebene, desto einfacher fällt es meinem Gegenüber sich in mich hineinzuversetzen. Und andersherum funktioniert das natürlich genauso. Die Sache ist die, dass wir vielen Medien ausgesetzt sind, die andere Lebensrealitäten vermitteln. Wir sind alle mit Hollywood aufgewachsen, mit westlichen Medien. Wir müssen auch unsere Lebensrealität darstellen. Und ich glaube, dass das Storytelling, die Empathie, die daraus entsteht, der Schlüssel ist, der den Dialog voranbringt.

Wie reagieren denn insbesondere Nicht-Muslime auf deine Kunst?

Soufeina: Überwiegend sehr positiv. Ich habe sehr selten Leute, die das nicht so gut finden. Die überwiegende Mehrheit begegnet meiner Kunst sehr positiv. Das ist aber auch immer unterschiedlich. Einige sind im Vorfeld schon sehr sensibilisiert, finden darin Bestätigung. Andere genießen stumm. Ich erkenne, dass diese Leute sich die Bilder angucken und zum Denken angeregt werden, nur in genau dem Moment nicht direkt darauf reagieren. Aber das ist auch völlig ok. Das ist das Schöne an den Bildern: Man kann den Menschen einen Spiegel vorhalten, aber es wird keine direkte Reaktion darauf erwartet. Sie können die Eindrücke und diese neue Perspektive auf sich wirken lassen.
Und dann gibt es natürlich die, die ein bisschen defensiv werden und sagen: “Ja, ich verstehe zwar den Comic, aber das ist doch gut gemeint.” Aus solchen Aussagen heraus entsteht ein Diskurs. Aber in der Regel bleibt es ein gesunder Dialog. Ich glaube genau da muss man ansetzen. Es muss ein bisschen Reibung geben, damit ein Thema vorankommt.

Du bietest auch Workshops an. Was für Workshops bietest du an, wo bietest du sie an und wo kann man sich vor allem informieren?

Soufeina: Ich habe verschiedene Workshops bisher gemacht. Ich habe einige auf meiner Website twofix.net angegeben. Ich werde aber bald das noch ausführlicher unterteilen und klarer erklären. Ich habe mehrere Workshops für verschiedene Zielgruppen angeboten, also für Kinder und Grundschülern bis hin zu Erwachsenen, Studenten, Sozialpädagogen. Das hat immer einen anderen Schwerpunkt. Also bei Grundschülern ist es oft so ein bisschen ein therapeutischer Ansatz. Also dass man erzählt was man selbst schon einmal erlebt und wie man in dieser Situation reagieren könnte. Also, dass man den Comic nutzt als Mittel zur Selbstreflexion. Oder auch bei viel Jüngeren ist es einfach ein Mittel, um   aufeinander zuzugehen. Bei Studenten geht es oft auch um Rassismus: Was sind Lösungsansätze. Bei Sozialpädagogen ist der Schwerpunkt mehr, wie kann man Comics nutzen, eben mit Schülern, damit man diese Themen besprechen. Oder auch angehen kann. 
(Foto: RANASAWALHA)

Rassismus, Identität und Glaube - das sind Schwerpunkte die mich beschäftigen und die ich in meiner Arbeit thematisiere.

Neben deiner Kunst bist du auch sozial stark engagiert und wirkst bei Projekt aktiv mit, zum Beispiel bei Juma - Jung Muslimisch Aktiv. Magst du dazu ein bisschen erzählen?

Soufeina: Ich habe mich schon sehr früh in interkulturellen Projekten engagiert. Schon mit zwölf habe ich ein Verein mit meiner Schwester und Freunden gegründet, in der wir soziale Projekte umgesetzt haben. Schritt für Schritt kam immer wieder ein weiteres Netzwerk dazu, u.a. Jung Muslimisch Aktiv (JUMA). Das war in Berlin ein sehr großes Projekt, das engagierte Muslime zusammengebracht hat. Mit JUMA hatten wir plötzlich eine Bühne, die vorher nicht vorhanden war und uns die Möglichkeit gegeben hat, mit Politikern und Medienschaffenden ein Raum zu teilen. Das war etwas sehr empowerndes. Außerdem war ich aktiv in der Junge-Islam-Konferenz und stellvertretende Vorsitzende bei Zahnräder Netzwerk. Ich versuche immer meine Community zu stärken und gleichzeitig etwas für die Gesellschaft zu machen. Das hat mich mein Leben lang begleitet. Ich wäre heute nicht die Person, die ich bin, wenn ich nicht in diesen Netzwerken mitgewirkt hätte. Auch karrieremäßig hat mich dieses Engagement sehr motiviert und war ein großer Mehrwert.

Welche drei Tipps würdest du angehenden Illustratoren und Comiczeichnern geben?

Soufeina: Das erste ist authentisch zu sein. Das ist, insbesondere in Zeiten von Social Media, sehr schwer. Man fängt an, sich mit anderen zu vergleichen und das kann auch dazu führen, dass man vielleicht anfängt andere zu kopieren. Ich tendiere immer dahin zu sagen: Seid authentisch, seid ihr selbst, macht das was euch Spaß macht.

Das zweite ist, sich zu trauen Dinge zu machen, die noch keiner vorher gemacht hat. Aber auch „sich trauen“ im Sinne von an sich selber glauben. Ein Beispiel: Als ich noch ganz jung war, bin ich in einen Laden gegangen und habe gefragt, ob die meine Bilder verkaufen wollten. Daraus haben sich tolle Möglichkeiten ergeben. Die Inhaber haben mich gefragt: “Oh, hast du das gezeichnet? Wir suchen nämlich einen Illustrator.” Dadurch hatte ich durch Zufall einen Job. Dieser Mut, einfach einen Schritt weiter zu gehen und etwas Neues auszuprobieren, ist wichtig. Mehr als “Nein” sagen können sie nicht. Also Mut und Selbstvertrauen!

Und das dritte ist Ausdauer und Geduld. Nichts funktioniert beim allerersten Mal. Alles ist Übungssache. Bei mir hat es mit dem Zeichnen auch lange gedauert. Und manchmal falle ich auch wieder raus und muss von vorne anfangen. 

Was werden wir in den nächsten fünf Jahren von dir sehen? Welche Ziele hast du dir selbst gesetzt?

Soufeina: Mein allergrößtes Ziel ist, dass ich, inShaAllah, eine Grafik-Novelle veröffentlichen. Das ist ein Comicbuch, an dem ich tatsächlich schon arbeite. Mein Traum ist, diese in den nächsten Jahren zu veröffentlichen. Ich wünsche mir einfach etwas Handfestes in der Hand zu haben von dem ich sagen kann “Das habe ich gemacht.” 

Wie sieht deine Vision aus? Was möchtest du mit deiner Arbeit und deinem Engagement erreichen?

Soufeina: Mit meiner Kunst möchte ich die muslimische Community supporten und das gesellschaftliche Zusammenleben etwas verbessern. Ich träume davon, dass ein solches Engagement nicht mehr nötig ist. Und dass nicht nur der deutschsprachige Raum, sondern die ganze Welt ein bisschen enger zusammenbringt. Ich hoffe andere zu inspirieren ähnliches zu tun. Ich wünsche mir, dass mehr Leuten klar wird, dass Kunst helfen kann, aufeinander zuzugehen. Dass diese Art der Kunst eine Art Bewegung wird. 

Vielen lieben Dank Soufeina für das tolle Interview und dass wir mehr über deine inspirierende Kunst erfahren durften. 

Wir wünschen dir weiterhin viel Erfolg 🍀

 

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